BLOG ÜBER KIEW, SEINE GESCHICHTEN, SEHENSWÜRDIGKEITEN UND MENSCHEN

EINE NETTE UNTERHALTUNG EINES ARMENISCHISCHEN RUSSEN UND EINER RUSSISCHEN UKRAINERIN

  • Posted on: 28 April 2015
  • By: Anna

All meine Freunde wissen es inzwischen, dass es für mich momentan kein anderes Thema gibt, das mich mehr beschäftigt, als der Konflikt oder der Krieg (wie man es nennen mag) zwischen Russland und Ukraine. Es liegt wohl daran, dass ich nicht nur ethnische, sondern dazu auch noch gebürtige Russin bin, die sehr unter dem Konflikt leidet. 

Die Missverständnisse zwischen mir, meiner Familie in Kiew und unseren näheren Verwandtschaft, die in Russland lebt und unter dem Einfluss der Kremlpropaganda steht, tauchen seit über einem Jahr in jedem unserer Gespräche auf. Wie ich aus meinem Freundeskreis weiß, betrifft dieses Problem nahezu alle, die in Russland Verwandte und Freunde haben. So beschäftige ich mich immer wieder mit den Meinungen aus Russland und unterhalte mich gerne darüber.

Ich war am Freitagnachmittag zufällig am Münchner Hauptbahnhof. Eine Freundin wollte den Airportbus nach Memmingen nehmen um von dort nach Kiew zu fliegen und dort die Osterfeiertage zu verbringen. Ich wollte ihr ein Päckchen für meine Mutter mitgeben. Nachdem ich sie verabschiedet habe, hat mich ein junger Mann auf Russisch angesprochen und gefragt, ob er sich hier richtig befindet und mir die Beschreibung für einen Treffpunkt im IPhone gezeigt. Er wartet hier auf einen Bus, der nach Paris fährt. Ja, ist richtig, tschüß, und ich gehe gleich weiter. Aber ich drehte mich doch um, frage woher er kommt und ob er nicht mal Zeit hätte mir seine Meinung zu dem Krieg in der Ukraine zu sagen. So kam es zu einem netten und unterhaltsamen Gespräch, wenn man ein Gespräch über den Krieg mit einem Russen so nennen kann.

Er war gerade im “Odessa” Laden am Stachus und hat wohl dort eine Tour nach Paris gebucht. Zu seiner Überraschung, wie er mir mitgeteilt hat, gehört der Laden wohl den Ukrainern. Was erwartet man eigentlich wenn man ein Laden namens “Odessa” in München betritt? Ich unterrichtete ihn natürlich nicht, was für politische Überzeugungen der Besitzer hat, sonst hätte er wohl noch eine größere Überraschung erleben müssen. Zufällig kenne ich den Inhaber persönlich, da sich irgendwie die meisten Ukrainer, die in München leben, von unterschiedlichen Veranstaltungen untereinander kennen.

Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich etwas Neues aus dem Gespräch erfahren habe. Natürlich war es eine übliche Meinung, die man von einem Russen hört. Russland sei gezwungen einen Krieg zu führen, da die Amerikaner den Vertrag über das NATO-Nichterweiterung gebrochen haben und Raketenbasen auf der Krim und im Donbass platzieren wollten. Die Amis wären sowieso an allem Schuld, die hätten einfach einen neuen Krieg gebraucht. Auf meine Frage, warum die Soldaten aus Russland dann doch die Ukrainer in ihrem eigenem Land töten, war die Antwort so: man töte ja nicht die Ukrainer sondern Söldner aus USA und Europa. Relativ neu war es für mich, dass man die Präsenz der russischen Truppen in Donbassregion nicht mehr leugnet und nicht mehr an Märchen von kämpfenden Bergleuten und Traktorenfahrer glaubt. Ich wollte wissen,wofofür denn die Russen im Donbas kämpfen? Klar doch, um die russischsprechende Bevölkerung zu unterstützen und eigene Interessen als eine Gegenmacht der USA zu verteidigen. Ukraine und Russland hätten sich doch immer gegenseitig unterstützt.

Die Sanktionen hätten natürlich das Leben in Russland erschwert, aber das russische Volk würde nie aufgeben und lässt sich nicht zwingen nach fremden Regeln zu leben. Ich fragte, was er meint, wenn man in Russland kaum noch etwas zum Essen haben würde, wird man dann verstehen, dass man die Annexion der Krim und den Krieg in Donbass gar nicht bräuchte? “Natürlich nein!” war seine Antwort, “das russische Volk kann man nicht besiegen.” Ich hörte, wie sein Leben sich in den letzten Jahren in Russland zum Positiven geändert hat und wie frei man in Russland wäre. Man hätte sich doch so viel leisten können im Vergleich zu den 90er Jahren. Russland habe 30 Prozent aller Rohstoffreserven der Welt und die Sanktionen würden eher bald vorbei sein, da der Rest der Welt auf Gas und Öl aus Russland angewiesen wäre.

Wie gesagt nichts besonders neues und nichts erfreuliches, aber einige seine Aussagen fand ich doch überraschend sehr interessant. Aus der Sicht eines gebildeten, schätzungsweise Mittzwanziger Sankpetersburger befindet sich Kiew im Westen der Ukraine und dort wird hauptsächlich ukrainisch gesprochen. Er war etwas überrascht, als ich sagte, dass ich aus Kiew komme und dort hauptsächlich russisch gesprochen wird. Was natürlich nicht gleich bedeutet, dass Kiewer kein ukrainisch können, sich für Russen halten und gerettet werden wollen.

Die Europäische Union stecke momentan in großen wirtschaftlichen Problemen, daher wäre der Euro künstlich zum Dollar herabgestuft worden, da Europa sehr von russischen Touristen abhängig sei. Im letzten Jahr, wie bekannt, hätten ja deutlich weniger Touristen aus Russland wegen dem fast verdoppelten Wechselkurs des Rubels zum Euro in Europa das Geld ausgeben können.

Man habe ja grundsätzlich in Russland nichts gegen Amerika und Europa, sondern man sei gegen die Politik, die sie betreiben. Man wisse ja, dass die Politiker dieser Länder für die eigene Bevölkerung alles tun, deswegen leben die Leute hier so gut, aber dafür wären sie außenpolitisch absolut rücksichtslos und egoistisch. In Russland sei es aber umgekehrt, die eigene Bevölkerung lebt schlecht, das verheimlicht ja auch niemand, aber russische Außenpolitik sei sehr loyal, da man die Nachbarländer immer unterstützt, sogar wenn es auf eigene Kosten sein müsste. Die Russen wären sehr stolz darauf, so war es im zweiten Weltkrieg und so sei es auch heute.

Die Maidan-Revolution in der Ukraine stellte aus der Sicht meines Gesprächspartners das Nachbarland auf das Niveau von muslimisch-arabischen Ländern, da nur dort die Regierungen im Zuge einer Revolution abgesetzt werden könnten. In der Ukraine herrsche sowieso seit Jahren ein Chaos in der Gesellschaft und Politik. “Bei euch wird doch ständig ein neuer Präsident gewählt, mal findet ihr Juschenko, mal Timoschenko, jetzt Poroschenko toll. Ihr habt doch Janukowitsch sogar selbst gewählt. Ständig seid ihr unzufrieden!” war seine Aussage.

Wie sich im Gespräch herausgestellt hat, ist er eigentlich gebürtiger Armenier und mit seinen Eltern wegen dem Konflikt in Bergkarabach anfangs der 90er Jahre nach Russland geflohen. Er erzählte, dass er jemanden aus Armenien kennt, der freiwillig nach Donbass gegangen ist um dort Russischsprachige und Orthodoxe zu retten. Ich fragte, ob man ihn in Russland für einen Russen hält? Nein, man würde ihn als Armenier bezeichnen. Ich sagte, dass man mich in der Ukraine nie explizit Russin genannt hat. Meine Freunde, die andere Vorfahren haben z.B. Georgische, Armenische oder Polnische, aber in der Ukraine aufgewachsen sind, gelten auch als Ukrainer. In der Ukraine hat niemand besonderen Wert auf die Herkunft gelegt, man sagt einfach: ich bin Ukrainer oder ich komme aus der Ukraine.

Zum Schluss fragte ich, was er eigentlich hier in München macht und was ihn nach Paris führt. Die Antwort hat mich echt fast sprachlos gemacht. Er habe gerade jemanden in Nürnberg besucht. Er müsse ein Paar Mal in die EU einreisen und sein Tourismusvisum sozusagen “abstempeln lassen”, damit er später ein Multivisum für den Schengenraum bekäme. Wenn man einige Male in Europa war und ein Multivisum für längeren Zeitraum später erhält, bekäme man nämlich dann einfacher ein Visum für die USA. Er möchte in den USA studieren und später dort eventuell auch bleiben. In Russland sei es momentan sehr schwer eine gute Zukunft für sich zu gestalten, wahrscheinlich 60% seiner Generation möchten ihr Glück im Ausland ausprobieren. So war seine ehrliche Antwort auf meine Frage und seiner Meinung nach gäbe es überhaupt keinen Widerspruch zwischen dem, was er mir davor erzählt hat und seinen Zukunftsplänen.

Ich finde es grundsätzlich besser, selbst zu erfahren, wie die Menschen wirklich ticken, dies aus den Medien zu erfahren scheint oft irgendwie unglaubwürdig. Also im Großen und Ganzen hat es sich gelohnt dieses Gespräch zu führen. Eine Sache bereue ich aber doch. Mir ist leider während des Gesprächs nicht eingefallen den jungen Unbekannten daran zu erinnern, dass Sergej Nigojan, der erste Junge, der auf dem Maidan gestorben ist, auch ein gebürtiger Armenier war und seinen Geburtsstaat aus gleichen Gründen wie er verlassen musste. Seine Eltern haben sich, aus welchen Gründen auch immer, für die Ukraine als Wahlheimat entschieden. So unterschiedlich können sich menschliche Ansichten und Geschichten entwickeln.

Hier ist der Artikel bei Spiegel über Sergej Nigojan:
www.spiegel.de/politik/ausland/proteste-in-kiew-der-erste-tote-vom-maidan-a-945184.html

Nicht weniger verrückter Briefwechsel zwischen einer Ukrainerin und einem Russen aus dem Jahr 2014 in unserem Blog:
http://www.kievpuzzles.com/ein-ukrainischer-eintopf-oder-russia-love

Kommentare

Wie wärs mit etwas mehr Mut zur Wahrheit auf beiden Seiten?
Ohne Anna und den namenlosen armenischen Russen kritisieren zu wollen, halte ich es für sinnvoll, beide Sichtweisen zu hinterfragen. Von russischer Seite aus, ist die wirtschaftliche und militärische Bedrohung aus dem Westen durchaus als realistisch einzustufen. Ebenso, ist von der Ukraine (und ihren Freunden), der EU, NATO und den USA durch die RF ein ernormes Bedrohungspotential offen erkennbar, was zur Reaktion zwingt. Ich stehe als Deutscher in mehrfacher Weise zwischen den Fronten und stelle verschiedene Irrtümer fest. Zuallererst, es kann nicht Gottes Wille sein, diesen Planeten zu verwüsten und sich gegenseitig unermessliches Leid zuzufügen.

Solange nur an der Oberfläche herumgerudert wird, um Themen wie Macht, Geld und Waffen politisch zu bearbeiten, wird sich an den eigentlichen Grundproblemen nichts ändern können, denn die Ursachen des Krieges in der Ukraine und der Annexion der Krim, wurden von Menschen geschaffen.

Mir ist keine echte Lebensqualität ohne Wahrung der Menschenrechte bekannt. Ebenso, kann es keinen Frieden geben, wenn die Grenzen nicht respektiert werden, sowohl die eines Landes als auch die der Belastbarkeit des Menschen. Ohne den Willen zur Einsicht und zur Empathie bis hin zu höchsten Entscheidungsträgern aller beteiligten Parteien, wird keine Einigkeit herzustellen sein und das Lebensglück bzw. die Harmonie der Opfer wird nachhaltig beeinträchtigt.

Bild des Benutzers Anna

Zuallererst möchte ich anmerken, dass meine Sichtweise in diesem Artikel gar nicht beschrieben wurde. Um Irrtümer festzustellen muss man nicht unbedingt Deutscher oder komplett außerstehender sein. Es gelingt vielen Ukrainern und Russen auch, vor allem wenn man sich mit den Hintergründen beschäftigt.  Aus Neugierde habe ich dieses Gespräch angefangen und die Fragen gestellt, die mich beschäftigen. Ich habe nun mal nicht so viele Gelegenheiten mit den Russen darüber zu unterhalten. Dieses Gespräch war aus meiner Sicht sehr gelungen, da es ein Dialog zwei an dem Thema interessierten Personen war, die sich gegenseitig respektvoll behandelten. Aus meiner Erfahunung, ist dies leider nicht immer der Fall.

Du hast im letzten Satz das Problem auf den Punkt gebracht: Ohne den Willen zur EINSICHT und zur EMPATHIE bis hin zu höchsten Entscheidungsträgern aller beteiligten Parteien, wird keine Einigkeit herzustellen sein und das Lebensglück bzw. die Harmonie der Opfer wird nachhaltig beeinträchtigt.
Es bedeutet, dass man ganz unten anfangen soll, bei ganz einfachen Leuten, die eigentlich keine Entscheidungsträger sind. Es geht um die Einsichtweisen auf ganz banale Punkte wie: ob das Land Ukraine gibt, ob ukrainische Sprache existiert, ob die russischstämmige in der Ukraine unterdrückt werden. Dass man sich nicht wundert, wenn man ein Laden nammens "Odessa" betritt und feststellt, dass die Besitzer Ukrainer sind. Dass man letztendlich Presidenten wählen kann und dies bedeutet nicht Chaos in der Politik. Und dann, wenn man an der Oberfläche angekommen ist, um Themen wie Macht, Geld und Waffen politisch zu bearbeiten, haben sie auf einmal auf zwischenmenschlichen Ebene an Bedeutung verloren.

Welchen unermesslichen Schaden ein propagandistisch verführtes Volk anrichten kann, wenn die Grenzen der Vernunft in völliger Verblendung ignoriert werden, offenbarte die Willkür Nazi-Deutschlands. Damit sich dieses nicht wiederholt, existiert die Verfassung der Deutschen als rechtliche und politische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.

Die Verfassung der Ukraine beruht auf den individuellen und unveräußerlichen Menschenrechten und beinhaltet die Prinzipien eines sozialen Rechtsstaates, einer Demokratie auf der Grundlage der Gewaltenteilung und der Volkssouveränität.

Also, bevor sich irgendein desinformierter russischer Staatsbürger auf den Weg in die Ukraine begibt und ein RF-Befehlsgeber Leute dorthin schickt, um äußerst dubiose Fantasien auszuleben, sollten sich diese meiner Meinung nach besser der menschenrechtsfreundlichen Umsetzung ihrer eigenen Verfassung widmen.

Neuen Kommentar schreiben