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“SCHWARZE ERDE” VON JENS MÜHLING - UKRAINISCHE ÜBEREMPFINDLICHKEIT

  • Posted on: 28 April 2016
  • By: Anna

SCHWARZE ERDE JENS MÜHLING UKRAINE REISE

Zufällig  habe ich über Facebook erfahren, dass ein Buch von einem deutschen Journalisten, der die Ukraine im letzten Jahr bereist hat, vor kurzem erschienen ist. Schnell habe ich gegoogelt und auf einer Webseite eine kurze Leseprobe gefunden:

http://www.ostpol.de/beitrag/4548-eine_reise_durch_die_ukraine

„Du bist aus Deutschland hierher gekommen, um dir die Steppe anzusehen?“, fragte Michejew.

Ich nickte.

Anerkennend pfiff er durch die Zähne, bevor er mich ins Innere des Geländes führte.

So fing das Gespräch von Jens Mühling und dem Chef eines Naturschutzgebietes, in dem die ukrainische Graslandschaft in ihrer ursprünglichen Form konserviert wurde, an. Nun lag dummerweise der alte Steppenpark in dem Separatistengebiet.

Ich fand die Leseprobe super, wie es geschrieben war und wie der Autor mein Heimatland bereist hat. Es ging in erster Linie um die Menschen und nicht um die Sehenswürdigkeiten. Ich hatte den Eindruck dem Autor ist es bei seiner Reise wirklich gelungen die Ukraine kennenzulernen. Ob er sie auch verstanden hat bzw. nach seiner Reise mag, ist für mich völlig zweitrangig. Ich finde es einfach toll, wenn Ausländer sich für mein Land interessieren und dann darüber den Anderen erzählen. Ich habe mir gedacht, das Buch muss ich unbedingt lesen und mehr von seinen Erlebnissen im wilden Osten erfahren. Ich ging am nächsten Tag zu “Hugendubel”.

Das Buch heißt “Schwarze Erde - Eine Reise durch die Ukraine”. Also bin ich selbstverständlich in eine Reiseabteilung gegangen. Da findet man normalerweise nicht nur Reiseführer sondern auch Reiseberichte. In diesen Regalen kann man - ohne, dass man etwas konkretes sucht - immer wieder etwas Interessantes finden. Ich hatte die Hoffnung, dass das Buch über die Ukraine auch mal jemanden spontan anspricht. Dort ist ein Potpourri von Reiseberichten vorzufinden von Reinhold Messner, Hape Kerkeling, wie man richtig Couchsurft und auch das Buch von Jens Mühling “Mein russisches Abenteuer”. Nur habe ich leider das Buch “Schwarze Erde” dort nicht gefunden. Kurz habe ich auch in das Reiseführerregal geschaut. Da standen zwei dünne Büchlein über das Land. Soweit ich weiß, gibt es auf deutsch mehr davon, aber immerhin hatte die Ukraine bei “Hugendubel” eigene Beschriftung und stand nicht bei GUS dabei. Gusi-gusi, ga-ga-ga. Irgendwie fällt mir zu GUS sonst nichts anderes ein.

Ich bin zum Infostand gegangen. Die Mitarbeiterin vom Hugendubel hat in den Rechner geschaut und sagte, dass sie fünf Exemplare von diesem Buch hat, aber sie weiß nicht wo sie stehen. Dann kam ihr Kollege dazu. “Schwarze Erde”?, die Bücher hat er alle zurückgeschickt, die sind doch unverkaufbar. Ähh!? Ich dachte ich höre nicht richtig. Aber er wollte noch nachschauen, ich bin hinterher gelaufen und habe nachgefragt, wie genau er das gemeint hat. Er antwortete, er habe sich geirrt, er hat andere Bücher zurückgeschickt. Ich fand die Situation einfach komisch und musste an eine bescheuerte Unterhaltung in der Touristinformation in Innsbruck vor einem Jahr denken. Dort wurde mir von einem Mitarbeiter, nachdem er erfahren hat, dass ich aus der Ukraine komme, gewünscht, dass die amerikanische Blackwatersöldner aus der Ukraine abziehen und der Bürgerkrieg bald zu Ende ist. Danach wurde meine Unkenntnis über die Lage in meiner Heimat bedauert. Auf so was hatte ich keine Lust mehr.

Ich ging wieder zum Infostand und war gerade dabei das Buch zu bestellen. Dann kam der Typ zurück, er hat das Buch in der Hand gehabt und sagte, “Schwarze Erde” ist in der Politikabteilung ausgestellt. Die Lage in der Ukraine ist halt kompliziert, deswegen ist es kein Reisebuch. Danke, ich komme selbst aus der Ukraine, aber da das Buch ”Eine Reise durch die Ukraine“ heißt, habe ich das Buch in der Reiseabteilung gesucht. Auf dem Weg zur Kasse, habe ich kurz bei der Politikabteilung geschaut. Das Buch habe ich auch dort nicht gefunden, dafür aber “Russland verstehen” von Krone-Schmalz und sonst noch was über Russland. Die kritischen Bücher von Boris Reitschuster über Putin waren auch weit und breit nicht zu sehen. Na gut, ich werde einfach mal davon ausgehen, dass Reitschusters Bücher alle ausverkauft sind und der Hugendubel-Mitarbeiter die anderen vier Exemplare von “Schwarze Erde” in die Reiseabteilung verlegt hat.


Ich habe mich auf das Buch sehr gefreut, ich kaufe auch gerne Bücher bei Hugendubel am Stachus, nur jetzt war ich ziemlich genervt. Ehrlich zugegeben, ärgerte ich mich aber nicht über den Verkäufer und diese komische Situation, die er durch seinen Spruch produziert hat. Es ärgerte mich, wie ich empfindlich darauf reagiere und was ich mir für Gedanken darüber mache. In den letzten Jahren schleicht sich eine Überempfindlichkeit bei allem, was mit der Ukraine zu tun hat, ein. Ich bin froh, dass diese allergische Reaktion inzwischen ein bisschen nachgelassen hat. 2014 war mit den Emotionen, natürlich, noch schlimmer gewesen. Ich bin meinen nicht ukrainischen Freunden sehr dankbar, dass es sie noch gibt und sie meinen Zustand und all die Gespräche überstanden haben. Bei ukrainischen brauche ich mich nicht zu bedanken, sie waren und sind ja genauso empfindlich wie ich. Nach wie vor drehen sich unsere Gespräche um Freunde und Verwandte in Russland oder Donezk, nach wie vor verfolgt man intensiv die Nachrichten aus der Ukraine. Und man regt sich immer noch dabei auf. Es ärgert mich sehr, dass ich nicht locker genug bleiben kann, gerade in solch unbedeutenden Situationen wie in der Buchhandlung. Ich wünsche mir sehr, dass wir alle bald im Bezug auf die Ukraine entspannter werden und dass ein Buch, das ”Eine Reise durch die Ukraine“ heißt, bedenkenlos dem Thema Reisen und nicht den politischen Konflikten zugeordnet wird.

Kommentare

... und ich wünsche mir, dass ein Buch, das "Eine Reise durch die Ukraine" heißt, keine Schleichwerbung und tatsachenverdrehenden Äußerungen enthält, wie beispielsweise „Früher waren irgendwie alle Russen, jetzt sind manche Ukrainer“. und „Wir graben einen Tunnel für ihn! Unter der russischen Grenze!“ Dieses Buch vermittelt mir zwar als Reiseführer einen sehr abschreckenden Eindruck, doch an meinem festen Entschluss baldmöglichst wieder in die Ukraine zu reisen, ändert das garnichts. Mir scheint es sinnvoll zu sein, zwischen "Empfindlichkeit" und "Empfindsamkeit" zu unterscheiden, um auf diese Weise Problematiken dem Grunde nach zu erkennen und zu vermeiden. In die Ukraine zu fahren, ohne sich der historischen Entwicklung und der gegenwärtigen Situation bewusst zu sein, könnte leicht zu "überempfindlichen Reaktionen" führen, denn die Folgen der Holodomore und feindlichen Truppenbesetzungen bleiben garantiert auf unbestimmte Zeit in der ukrainischen Volksseele haften. Persönlich bevorzugte Weisheiten aus dem Tao Te-King des Laotse geben mir jedenfalls in der Ukraine die erforderliche Orientierungshilfe, Bescheidenheit zu bewahren und Gelassenheit zu üben. Мир Україні!

Wer jemals den Nachtexpress von Київ nach Запоріжжя mit Personenwagen aus Sowjetzeiten benutzt hat, wird beim Rütteln und Schütteln auf ausgefahrenen Gleisen keine ukrainische Überempfindlichkeit antreffen können. Menschen jeden Alters vermögen auch unter diesen Umständen zu schlafen und am nächsten Morgen erholt auszusehen. Im Rückblick auf meine dreiwöchige Ortsabwesenheit vom lokalen Jobcenter, die ich mit Hilfe und Unterstützung meiner Freunde bei ihnen in der Ukraine verbringen konnte möchte ich betonen, dass von den wenigen genervten Menschen, denen ich begegnete meine Urlaubsstimmung nicht beeinträchtigt wurde. Ein Buch hätte mich in diesem Sommer niemals derart erlebnisreich und sicher durch die Ukraine leiten können, wie es meine persönlichen Reiseführer und hilfsbereite Menschen taten. Bельми дякую! Большое спасибо!

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Thomas, es freut mich wirklich sehr, dass du gerade eine erlebnisreiche Reise durch die Ukraine gemacht hast! Trotz, dass die Ukraine mein Heimatland ist, ist für mich dort zu reisen immer wieder auch ein Erlebnis. Ich war gerade selbst in der Ukraine unterwegs und bin dabei ein paar neue Artikel für den Blog zu schreiben. Ich gebe dir absolut Recht, dass kein Buch eine Reise ersetzen kann. Aber ich finde, wie Jens Mühling mein Land bereist und gesehen hat ist sehr lesenswert. Ich bin ihm sehr dafür dankbar, ich habe das Buch natürlich inzwischen gelesen und find es wunderbar. 

Die Überemfindlichkeit (fehlende) die du beschreibst ist nicht das was ich in meiner Beschreibung meines Reaktions beim Buchkaufs im Artikel beschreibe. Und glaub mir, es gibt eine deutliche Steigerung zu 0% Überempfindlichkeit im Nachtexpress - es ist eine Fahrt mit Elektrichka (Nahverkehrzug), damit war ich gerade selbst unterwegs. 

Der Komfort einer Elektrichka, wie ich ihn in der Region Zaporizhzhja erlebt habe, gleicht der einer S-Bahn Berlins zu Zeiten der Teilung Deutschlands. Abgesehen von den nostalgischen Erlebnissen, passen nach meiner Ansicht derartige Fahrzeuge der Personenbeförderung nicht in das Bild einer toleranten und weltoffenen ukrainischen Gesellschaft, die ich sehr schätze.

Bild des Benutzers Anna

Ich kann es nicht beurteilen, wie die S-Bahn in der DDR ausgeschaut hat. Aber ich bin mir ziemlich sicher, wenn Elektrichka jemals modernisiert wird, wird jetzige (bzw. uralte sowjetische) keine Nostalgiegefühle bei den Ukrainern hervorrufen.

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