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TSCHERNOBYL 2016 - 30. JAHRESTAG DER KATASTROPHE

  • Posted on: 26 April 2016
  • By: Anna

Eine der bekanntesten ukrainischen Schriftstellerin Oxana Sabuzhko beschreibt in ihrem Essay “Planet Wermut” wie sie es damals erlebt hat. Sie hatte als eine andersdenkende Intellektuelle einige Kontakte nach Westen, hatte Zugriff auf westliches Radio und wusste recht früh was passiert ist. Aber im Großen und Ganzen konnte sie nicht mehr als hilflos beobachten, wie die Regierung bei der Bewältigung der Katastrophe versagte. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob es für meine Mutter besser gewesen wäre, wenn sie gewußt hätte, was genau geschah oder doch nicht.

Und dann auf einmal ging alles sehr schnell. Meine Mutter erzählte, dass man schlagartig mitgekriegt hat, wie die Parteimitglieder - nachdem die Fernsehenbilder von den Feiertagen in Kiew für die restliche Sowjetbevölkerun geliefert waren - ihre Kinder schnellstmöglich aus Kiew wegbrachten. Tsunamiartig kam die Information, dass sich eine Explosion in einem Atomreaktor in Tschernobyl wohl schon am 26 April ereignete. Man wusste zwar nicht genau, was das bedeutet, aber es war klar, dass wenn man die Möglichkeit hat, dann muss man aus Kiew weg.

Die Flugtickets waren ausverkauft. Trotz Chaos gelang es meine Mutter Zugtickets für die schnellstmögliche Abreise für uns zu ergattern. Meine Großeltern väterlicherseits lebten in Russland, 2000 Kilometer von Kiew entfernt. Am 7. Mai haben wir Kiew verlassen. Wir sind jedes Jahr im Sommer hingefahren, aber diesmal waren wir nicht zu Besuch da, wir waren Tschernobylflüchtlinge. So hat man damals uns genannt. Meine Mutter hat mich mit meiner anderen Oma bei meinen Großeltern in Izhevsk zurückgelassen, selbst ist sie wegen der Arbeit im Sommer nach Kiew zurückgekehrt. Sie kann sich daran erinnern, dass es in Kiew damals sehr heiß war, fast keine Kinder auf den Straßen gab und die Stadt sehr leise war. Ich kann mich an die Witze von damals erinnern, dass ich besonders hell leuchte. Ich finde die Reaktionen unsere Bekannten und Verwandten nach wie vor kein bisschen schlimm, schließlich wusste man nicht genau was wirklich passiert ist. Ich kam erst im Januar nächsten Jahres zurück nach Hause. 

Interessant war es für mich zu erfahren, wie man damals nach Bekanntwerden der Katastrophe in Deutschland reagiert hat. Fenster zumachen, Hüte tragen, Jodtabletten in den Schulen verteilen und keine Wildschweine und Pilze mehr essen. Da man uns damals keine konkrete Informationen gegeben hat, wurde bei uns im Großen und Ganzen nichts unternommen. Nur die Anzahl der leidenschaftlichen Pilzsammler ist eindeutig zurückgegangen.

Wahrscheinlich habe ich zum ersten Mal verstanden, was damals passiert ist, als wir mit meiner Schulklasse als Jugendliche das Tschernobylmuseum in Kiew besuchten. Bis dahin hatte ich, ehrlich gesagt, nicht mal irgendwelche Bilder im Kopf, wie es wirklich gewesen ist. Ich war ja schließlich erst 5 Jahre alt als es passierte. Dieser Besuch hat wirklich Spuren bei mir hinterlassen. Die Ausstellung ist einfach, aber gut gemacht und ich würde jedem, der sich bei einem Kiewbesuch mit diesem schwierigen Thema befassen möchte, ein Besuch in diesem traurigen Museum empfehlen. Tschernobyl live zu besuchen ist inzwischen auch möglich. Ob es gleich so viel “Adrenalin” sein muss, soll jeder selbst entscheiden.

Die Zeit vergeht und mit den Jahren scheint alles weniger schlimm zu sein. Vor allem, wenn man nicht unmittelbar getroffen war, und ins eigene Zuhause zurückkehren durfte. Das Ausmaß der Tragödie war und ist immer noch nicht für einen normalen Mensch zu begreifen, beziehungsweise, denke ich, inzwischen ist dieses Ereigniss für viele Ukrainer fast in den historischen Hintergrund geraten. Der Zerfall des Sowjetunion, die schwierigen und verwirrenden 90er Jahre, die immer wiederkehrenden Finanzkrisen und Revolutionen lassen die Erinnerungen an das Jahr 1986 verblassen. Es erinnert auch nichts Besonderes im Alltag daran, nur dass man jedes Jahr die gleichen Bilder am 26. April im Fernsehen sieht.

 

Kommentare

"Liegt der Russe unterm Traktor, war`s ein Leck im Kernreaktor."

So lautete einer von deutschen Witzen über die sowjetische Unfähigheit, verantwortungsvoll und zeitgemäß mit der Atomenergie umzugehen. Es war damals nicht möglich, nähere Informationen über die Ursache des Unglücks von Tschernobyl und die Situation in der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik zu erfahren. In den Medien wurde von leichtsinniger Handhabung und abgeschalteter Sicherheit berichtet, was als Erklärung dienen sollte. Die Zusammenhänge der Ereignisse, einschließlich des daraus resultierenden zerstörenden Ausmaßes der Verstrahlung, wurden hier erst viel später bekannt. Gestern Abend sah ich bei ARTE den Dokumentarfilm "Der russische Specht" - "Російський дятел", der u.a. den unbändigen Wunsch Fedor Alexandrovichs nach Aufklärung zum Inhalt hat. Der Super-GAU fand in einem Klima unbedingten Gehorsams statt, was den qualvollen Tod von und die Langzeitschäden bei unschuldigen Menschen verursachte. Die Skrupellosigkeit, mit der Liquidatoren verheizt und die ukrainische Bevölkerung der Verstrahlung ausgesetzt wurden, dürfte ein bleibendes warnendes Signal gesetzt haben was geschieht, wenn die Stimme des Gewissens zum Schweigen gebracht wird.

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Hi Thomas, wenn dich das Thema interessiert, muss du unbedingt das Buch von Swetlana Alexijewitsch (aktuelle Nobellpreisträgerin) "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukuft" lesen. Sehr traurig, sehr empfehlenswert.

Danke sehr für deinen Literaturhinweis, Anna! Glücklicherweise hat dich die Strahlung nicht erwischt, sodass dir eine lebenslange Belastung der Gesundheit erspart geblieben ist. Im deutschsprachigen Fersehen gibt es gelegentlich Wiederholungen und aktuelle Reportagen über das AKW-Unglück bzw. dessen Folgen. Vom staatlichen ukrainischen, weißrussischen und russischen Umgang mit den noch lebenden Liquidatoren und den strahlenbelasteten Kindern sowie deren Familien, wird hierzulande leider wenig berichtet. Es gibt aber zahlreiche Initiativen und Vereine in Deutschland, die den Opfern von Tschernobyl auf unterschiedlichste Weise wirkungsvolle Unterstützung und Hilfe zuteil werden lassen.

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